Schöne neue Welt – willkommen in der AnyEra!

Neulich habe ich ernsthaft darüber nachgedacht was für mich vor dreißig Jahren Fortschritt bedeutet hat. Und dann musste ich schmunzeln: ja was waren das denn für Zeiten? In denen wir uns noch darüber gefreut haben, dass das Kabel des Familientelefons vom Gang bis in mein eigenes Zimmer reichte. Genau! Denn diese Innovation ermöglichte mir eine ungestörte Unterhaltung zu führen. Ach ja und in diesem Zusammenhang sei auch noch der Übergang von der Telefonwahlscheibe zum Tastenapparat genannt. Da sparte man sich doch bestimmt eine halbe Minute allein beim Wahlvorgang.

Und dann als ich dann beruflich meine erste Sporen in einer kleinen PR-Agentur in Wiesbaden verdiente…wir haben doch tatsächlich die Pressemeldungen noch postalisch verschickt. Postalisch – das muss man sich doch mal vorstellen. Nicht selten saßen wir mit unseren studentischen Hilfskräften zu fünft im Büro und haben kuvertiert und frankiert. Bis zu fünfhundert Aussendungen für nur einen Kunden. Da kamen einige Ausgaben an externen Kosten zusammen. Ich kann mich gut an ein Zitat aus dieser Zeit erinnern. Prof. Thomas Mickeleit, der die Kommunikation für Microsoft Deutschland leitet, hat im PR Report kommentiert: „Ja es stimmt! Wir denken ernsthaft darüber nach, Presseinformationen per eMail zu versenden.“ Für mich fühlt sich das an als sei es gestern gewesen. Und wo stehen wir heute? Ernsthaft! Was hat sich nicht alles getan in den letzten Jahren. Und in welcher Geschwindigkeit? Die Innovationszyklen fühlen sich mittlerweile so kurz an, dass es scheint als komme man kaum noch hinterher.

Schau Dir doch mal an, wie Menschen heutzutage Informationen konsumieren. Unterschiedliche mobile Geräte dominieren bereits unseren Alltag. Und wenn Du Kinder hast, weißt Du wovon ich spreche. Wenn ich sehe, wie meine zweijährige Tochter auf dem Fernseher versucht Bilder wie auf einem Touchscreen per Hand zu verschieben, weiß ich, dass ich angekommen bin: in der AnyEra! Ein Zeitalter in der technisch doch fast schon alles möglich ist. Diese neue Ära formt auch eine neue Generation. Eine Generation mit einer neuen Denkart, eine Generation, die klar definierte Ziele und Grundsätze hat… auf Grundlage der IP und der Gebrauchsgeräte. Freilich scheint es, dass die Millenials – wie man diese Generation so schön nennt – viel schneller sind als wir. Ist dem auch wirklich so? Oder gehen sie nur vorbehaltlos mit einer Technologie um, die ihren Alltag so bestimmt wie uns seinerzeit der Golf GTI? Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte. Wenn Du quasi in eine Technologie hineingeboren wirst, erlernst Du die Nutzung auf spielerischem Niveau – eben genauso als wäre es das einfachste der Welt. Du hinterfragst ja nicht – Du machst ja nur. Aber dennoch lässt mich das Gefühl nicht los, dass der technische Innovationsgrad, den das Internet mit sich gebracht hat, mit sich bringt und mit sich bringen wird, einen nicht vergleichbaren Unterschied darstellt. Ich bin der festen Überzeugung, dass die IP für die Gesellschaft wirklich einschneidend war. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir bereits in der AnyEra leben. Und zwar mit allen Risiken und Gefahren, die damit einhergehen. Wir sind transparent und selbst in unseren Verhaltensmustern vorhersehbar geworden. Schließlich hinterlassen wir mit jedem kleinen einzigen Klick Spuren im Netz.

Wir haben es gar nicht gerne, wenn unsere Daten in Suchmaschinen auffindbar und öffentlich zugänglich sind. Aber hey Leute: Aufwachen! Wir haben das Internet genau auf diese Weise erfunden. Und profitieren von den Vorteilen. Für Leute aus der Kommunikationsbranche ist dieser Aspekt natürlich äußerst interessant. Mithilfe des Internets gewinnen wir heutzutage mehr und mehr Einblick in das Verhalten und den Habitus der Konsumenten. Das ist etwas worüber wir in der Vergangenheit nur Vermutungen anstellen konnten…und die Erkenntnisse damals basierten nur auf persönlichen Erfahrungen und Beziehungen. Zahlen, Daten und Fakten vorliegen zu haben bedeutet also mehr Effizienz? Schließlich existiert jetzt etwas Greifbares, etwas, dass ich doch dem Chef vorlegen kann. Es ist tatsächlich eine Erleichterung, schließlich weisen wir nach, was wir zu leisten im Stande waren und sind. Aber die Tatsache, dass ich mehr Insights und Verständnis über meine Zielgruppe habe, löst doch meine originäre Problematik der Kundenansprache nicht: das „Wie“ – wie sage ich´s dem Kunden denn? Wie erzähle ich meine Geschichte? Und welche Geschichte soll ich denn überhaupt erzählen. Puh, es gibt also doch noch einen Bedarf für menschliche Intelligenz in meinem Berufsfeld. Und lasst Euch gesagt sein: sie ist sogar die Alles entscheidende!

In einer Welt, in der alles technisch bereits möglich scheint, in der Funktionalitäten mit Design symbiotisch ineinander fließen, in der Geschwindigkeit kein Flaschenhals mehr ist, in einer solchen Zeit rückt „die Geschichte“ interessanterweise immer mehr in den Mittelpunkt. Eine gute Geschichte hat schon immer gefesselt. Schon damals als für die Menschheit das Lagerfeuer noch der Lebensmittelpunkt war bis heute wenn wir bei schönem Wetter im Biergarten sitzen. Und das beruhigt mich doch wieder ungemein. Keine Maschine dieser Welt ersetzt dieses unschätzbare Gut, das so viel Macht besitzt, weil es im Stande ist die Massen zu mobilisieren. Geschichten können belanglos und auch spannend sein. Im Grund genommen sind auch Twitter- und Facebook-Beiträge kleine Geschichten, die wir mit unseren Liebsten teilen. Für den einen komplett langweilig und uninteressant – für den anderen jedoch weltbewegend. Es liegt im Auge des Betrachters.

In sofern ist für mich die AnyEra ein neuer Wein in alten Schläuchen – oder in diesem Fall gerade umgekehrt: alter Wein in neuen Schläuchen. Sprich unsere Gesellschaft dreht sich wie vor tausenden von Jahren noch um die Geschichten, die uns ansprechen und uns zum Lachen oder zum weinen bringen. Was jedoch neu hinzukommt sind die Plattformen über die diese Geschichten zu uns transportiert werden. Und da sind wir dann auch wieder dort womit wir begonnen haben: diese Plattformen und medialen Kanäle sind mittlerweile Echtzeittransportmittel ohne globale Grenzen. Und diese neuen Verbreitungsmechanismen erfordern neue Spielregeln.

Die alles-ist-möglich-Ära ist für Menschen gemacht, die sich gerne an Neuem versuchen und konsequent dazulernen wollen. Menschen die neugierig sind und keine Angst haben zu scheitern. Es ist gottseidank nicht mehr notwendig, dass ich Presse Mitteilungen in Briefumschläge stecke. Jetzt ist es notwendig, dass ich mehr über den Einfluss und die Vorzüge von technischen Kommunikationsinstrumenten lerne. Zumindest das verleiht mir das Gefühl, dass meine professionelle Lernkurve fortbesteht.

Für eine geraume Zeit habe ich dies fast übersehen. Aber jetzt ist es real.

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